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Musik- und Kulturwirtschaft - Schlüsselbranchen der Zukunft

Eine Analyse von Michael Söndermann

Die Förderung von einheimischer Kultur hat auch marktwirtschaftliche Aspekte. Das haben viele fortschrittliche Länder bereits erkannt und umgesetzt. Die Schweizer Tonträgerindustrie bildet mit ihren rund 500 Millionen Franken Umsatz pro Jahr nur den Kern. Der ganze Wirtschaftsbereich, der von der Musik profitiert, ist um ein Vielfaches grösser. Der folgende Beitrag eines deutschen Experten zeigt Zusammenhänge und Perspektiven von Musik und Wirtschaft.

Für viele Zeitgenossen ist die "Informations- und Wissenschaftsgesellschaft" inzwischen Realität. Gute Zeiten also für die Anbieter solcherart gefragter Leistungen? Etwa für Musiker, Komponisten, Produzenten und sonstige Kreative der Musik- und Kulturwirtschaft, die ja den "Content" für die Medien- und Telekommunikationsindustrien liefern. Kultur- und Mediensektoren werden zu den Schlüsselbranchen gezählt. Die dort arbeitenden Menschen scheinen bereits auf dem Weg in die Zukunft. Musik und digitale Verwertung Kunst, Design und Multimedia, Literatur und Internet sind die Reizworte, die dabei fallen. Doch gibt es da aus Schweizer Optik einen Haken: Die satten Erträge, Lizenzeinnahmen oder Nutzungsabgeltungen fliessen kaum der einheimischen Musikszene zu, denn das verkaufte und gesendete Musikrepertoire stammt grossmehrheitlich aus anderen Ländern. Damit gehen grosse Beträge an der Schweizer Wirtschaft vorbei.

Keine Stadt, keine Region und kein Land sollte solchen Ergebnissen auf Dauer gleichgültig gegenüber stehen. Deshalb wird es immer mehr darauf ankommen, wie die künstlerische Produktion, die kulturelle Vermittlung und die mediale Verbreitung, die die Künstler, Studios, Clubs und die vielen Mikrounternehmen der Musik- und Kulturwirtschaft leisten, unterstützt und gefördert werden.

Voraussetzung dafür ist eine erweiterte Sichtweise der Politik. Sie muss die historisch gewachsenen unterschiedlichen öffentlichen, intermediären und privatwirtschaftlichen Kulturstrukturen in der Schweiz neu verstehen und gleichwertig weiter entwickeln. Konkret würde dies zu einer integrierten Kultur-, Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik führen. Dazu gehören standortbezogene Programme zur Entwicklung musik-/kultureller Gründerzentren, zur Qualifizierung, zum Marketing kulturwirtschaftlicher Leistungen etc., wie sie inzwischen in vielen urbanen Regionen Europas entstehen.

Rundfunk und TV als Geburtshelfer
Von grosser Bedeutung sind die Nachfrageleistungen von Rundfunk und TV, die in allen europäischen Ländern über Jahrzehnte zu den wichtigsten Nutzern von Leistungen der Musik- und Kulturwirtschaft gehörten. Z.B. wäre die künstlerische und eben auch wirtschaftliche Entwicklung der Musikszenen im Jazz, in der Filmmusik, in der "Alten Musik" usw. ohne die lang anhaltende Nachfrage des Rundfunks undenkbar gewesen. So entstanden neue Werke, neue Produkte und in der Folge neue Märkte, die heute auf den Kulturmärkten alleine bestehen können, aber ohne die "Geburtshelfer-Rolle" des Rundfunks nie entstanden wären. Die Rundfunk-Unternehmen konnten mit anspruchsvollen Produktionen eine ästhetisch-kulturelle Vermittlung in die Gesellschaft hinein leisten und zugleich eine langfristige Entwicklungsarbeit für die Musiker, Komponisten, darstellenden Künstler und die Studios bzw. Betriebe der sogenannten kleinen Musik- und Kulturwirtschaft garantieren, ohne die kurzfristigen Zwänge der Renditen und Quoten.

Sechs Schlussfolgerungen

In verschiedenen europäischen Kulturwirtschaftsregionen tauchen immer wieder Themen auf, die auch für die schweizerische Musik- und Kulturwirtschaft herauszustellen sind:

 Die Kulturwirtschaft wird dann Erfolg haben, wenn sie originäre und unverwechselbare, nicht kopierbare, künstlerische und kulturelle Produkte und Dienstleistungen anbietet, die einer regionalen Infrastruktur entsprechen und in ihr verwurzelt sind.

 Die Kulturwirtschaft entwickelt sich in milieu- und infrastrukturbezogenen Dimensionen. Damit entsteht aus dem Zusammenspiel ähnlicher und verwandter Branchen, Produzenten und Dienstleister ein regionaler Wirtschaftsverbund.

 Kulturwirtschaftliche Betriebe sind in der Regel kleinräumig mit anderen Daseinsfunktionen kompatibel. Sie stehen für neue Formen der räumlichen, sozialen und funktionalen Verflechtung von Arbeit und Freizeit.

 Die Kulturbetriebe zählen überdurchschnittlich zu den klein- und mittelständischen Unternehmen, die eine besonders hohe Arbeitsplatzintensität aufweisen.

 Die Kulturwirtschaft schafft ein Gegengewicht zu den traditionellen, aber aufgrund des Strukturwandels schrumpfenden Branchen.
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 Die neu entstehenden Betriebe in der Kulturwirtschaft sind personalintensiv und erfordern überdurchschnittlich hohe und zudem aktuelle Qualifikationen und Qualitäten.

Eine kluge kulturelle Politik und eine zukunftsweisende Programmarbeit der Rundfunk-Unternehmen zählen ohne Zweifel zu jenen Motoren, die eine regional bedeutsame Musik- und Kulturwirtschaft mit befördern können. Die Kultursektoren sind komplex, sensibel und zerbrechlich und sollten deshalb mit höchster Aufmerksamkeit von den Verantwortlichen beobachtet und begleitet werden.

Erste aktuelle empirische Befunde eines Forscherteams an der HGK Zürich*, die sich mit der Kulturwirtschaft Schweiz im europäischen Vergleich beschäftigen, zeigen, dass die Musik- und Kulturbranchen inzwischen beachtliche wirtschaftliche Leistungen erzielen. Mit Umsätzen von rund 8,4 Milliarden Franken erreicht die schweizerische Kulturwirtschaft mehr als das Vierfache der öffentlichen Kulturförderung mit 1,9 Milliarden Franken.

Im Jahr 2000 stieg die Zahl der Erwerbstätigen im Kultursektor - nach einem Rückgang bis 1995 - wieder auf rund 55'000 Erwerbstätige. Die Entwicklungen in der Schweiz werden im übrigen durch europäische Studien bestätigt, die den kulturellen Sektoren grosse Wachstumspotenziale zuschreiben.

* Der Forschergruppe gehören zur Zeit an: Michael Söndermann (arkstat@kulturpolitik.de), Franz-Otto Hofecker (Zentrum für Kulturforschung, Wien), Christoph Weckerle (Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, christoph.weckerle@hgkz.ch)

 

 
   
   
   
   
 
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