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«Der Bund» 31.8.2002
ANE HEBEISEN

Keine Rettung mehr vor dem Fernsehprogramm

DRS 3 / Mit der aufmüpfigen Musiksendung "Sounds!" verschwindet ein Radio-Bijou aus den UKW-Frequenzen, das die Musikinteressierten dieses Landes nachhaltig vermissen werden. Ein emotionaler Abgesang.

"'Sounds!' isch d Sändig, wo üs vor em Fernsehprogramm rettet": So lautete einst der stimmige Slogan jener Radiosendung, die seit 1976 eine funkelnde Insel in der glanzlosen Rundfunkland-schaft darstellte. Eingeklemmt zwischen den 18-Uhr-Nachrichten und der Sendung "Per i lavo-ratori italiani", konnte, zuerst auf DRS 2, danach im Abendprogramm von DRS 3, Musik ver-nommen werden, die sich oft wohltuend, manchmal krampfhaft, aber stets erfrischend vom Ge-läufigen abgrenzte.

"Sounds!" zauberte Epochen der Freude in den Tag, in denen Radiohören zum Ereignis wurde, in denen Musik Information vermittelte, die Welt erklärte, Emotionen entfachte und nicht wie im herkömmlichen Radioprogramm bloss den Alltag zu berieseln trachtete. "Sounds!" war jeden Abend eine Wundertüte für den Radiohörer, der sich nicht mit musikalischen Floskeln zufrieden geben wollte, und es war Inspirationsquelle für sämtliche wegweisenden Musikschaffenden die-ses Landes.

"Sounds!" hörte man sich nicht nur an, "Sounds!" saugte man auf. Dabei wurden einem die Protagonisten der Sendung vertraut wie Helden einer lieb gewonnenen Soap-Opera: Da waren der François Mürner, der kurzweiligste Moderator in der Geschichte des Schweizer Radios; der "Düsi" aus London, der einen mit den neuesten Gerüchten aus London versorgte; der Kuno "Comics" Affolter, der das Kunststück vollbrachte, einen über Radio die bizarrsten Comics schmackhaft zu machen; der Urs Musfeld, dessen Musikauswahl stets bedeutend besser war als jene von Christoph Schwegler; und da war der "Fredy us Pieterle", der kraft einer raffinierten
Telefonwähltechnik über Jahre hinweg praktisch jedes "Sounds!"-Quiz gewonnen hat und von dem berichtet wird, dass er noch heute jeden "Sounds!"-Jingle und die legendärsten Mürner-Anmoderationen aus dem Stegreif zum Besten geben kann.

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In einer Zeit, in der sich eine Subkultur zusammenbraute, an deren Früchten sich die Musikwelt noch heute labt, fungierte "Sounds!" als kundiger Berater und Wegweiser, dem man sich gerne anvertraute. "Sounds!" begleitete die Schweiz in die Grotten des Punks, tauchte mit ihr ab in die
Gischt des New Wave oder der Neuen Deutschen Welle, erklärte uns den Hardcore und nahm uns mit auf Exkursionen in die verwirrliche Welt der elektronischen Musik.

Gerade in den frühen Achtzigerjahren, als sich Musik abseits des berechenbaren Pops kaum in die Schweiz verirrte, war "Sounds!" oft der einzige Informationsquell für "die andere Musik". Es gab gerade Mal einen Plattenvertrieb (Rec-Rec) und eine Handvoll Spezialgeschäfte, in denen Tonkunst abseits des Mainstreams erhältlich war, und so bildete sich bald eine verschworene Gemeinde eingefleischter Vorabend-Radiohörer.

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"Sounds!" ist in dieser Woche zum letzten Mal über die UKW-Frequenz von DRS 3 gestrahlt, dem Sender, der gegründet worden war, um "Lärm" zu machen, bis ihr Chef Andreas Schefer auf die aparte Idee kam, diesen Lärm in das Format "Radio zum Glück" zu transponieren.

Und in Schefers stomlinienförmiger Form des Glücks, in seiner Auffassung von Radio als ein Medium, das ausschliesslich Gewohnheiten bedienen soll, hat "Sounds!" verständlicherweise keinen Platz mehr. Womöglich wird Herr Schefer mit seinem Kurs ähnlich kläglich scheitern wie ein Entertainer, der seinen Lieblingswitz pro Abend gleich mehrmals erzählt, weil er beim ersten
Mal so gut angekommen ist. Vielleicht wird DRS 3 auch auf Bestreben der SVP geschlossen, die festgestellt hat, dass sich der staatlich finanzierte Sender in keiner Weise mehr von den pri-vaten Anbietern unterscheide und diese unnötig konkurrenziere. Den "Sounds!"-Freunden wird das egal sein. Sie werden sich mit Grauen vom Medium Radio abgewandt haben, es sei denn, es entsinne sich eines Tages jemand wieder der Idee, dass ein lärmiges Radio eben doch glück-licher macht als ein zur Unkenntlichkeit weichgespültes.
 

 
   
   
   
   
 
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